Freitag, 29. Juni 2012

Wie Können Wir Menschen Verteidigen?

Fragestellung: Wie können wir unzufriedene, inaktive Menschen dazu bringen, ihre Potentiale zu nutzen? Wie kann man eine Mehrheit, die in der Regel nicht aktiv ist, mit einer Minderheit von Aktivisten verbinden? Diese inaktive Menschen haben bisher oft ihr Potenzial gezeigt.

Reza Radmanesh, Soziologe und Blogger aus Teheran hat in zwei Artikeln (+, +)  versucht, diese Fragen zu beantworten, die ich im Folgenden zusammengefasst und übersetzt habe:

1. Vereinzelte Menschen die an eine Thematik sich einig sein können finden. Diese Menschen müssen nicht einander kennen. Wichtig ist die Existenz  eines gemeinsames Problems.
2. Diesen einzelnen Menschen eine kollektive Identität geben und sie in eine Gruppe bringen.
3. Wir müssen diesen Menschen ermöglichen, miteinander zu reden.
4. Vermeiden von Politisierung dieser Gruppen, die diese anfällig machen.

Dabei ist es überhaupt nicht entscheidend, was das gemeinsame Problem dieser Gruppen ist. Eine Gruppe kann zusammen kommen, weil sie Straßenkinder helfen will  oder eine bestimmte Art von Straßenmusik unterstützen möchte. Wichtig ist, dass diese aktive, anfällige Menschen, zusammen eine Einheit bilden und sich gegenseitig zu unterstützen. Die Regierung hat es nicht mehr mit vereinzelten Menschen zu tun. Sie hat es mit straken Gruppen zu tun, die aufeinander aufpassen.


Bin ich ein Träumer? Nein, ich erzähle kein Märchen. In der Soziologie gibt es ein neuer Zweig namens "öffentliche Soziologie" (Public Sociology). Die marginalisierten (marginalized) Gruppen von Michel Foucault gehen in dieselbe Richtung. 


Existierendes Beispiel


Eine der Gruppen die diesen Weg durchgelaufen ist, ist die Selbsthilfeorganisation Anonyme Alkoholiker  (im Iran gibt es ähnliche Gruppen, die ihre Sucht zu anderen Drogen bekämpfen). Ihre Mitglieder finden eine kollektive Identität, die sich um Drogenentzug dreht. Obwohl sich alles am Anfang um Drogenentzug dreht, werden die Mitglieder später einander auch in anderen Bereichen (Job- und Wohnungsuche, etc.) helfen.

Was können wir falsch machen?


Es ist sehr wahrscheinlich, dass solche Gruppen darauf kommen, dass sie das jetzige politische System nicht mehr haben wollen. Wir dürfen aber nicht diese Gruppen politisieren und anfällig machen. Noch wichtiger: wir dürfen nicht denken, dass eine unpolitische Gruppe keine Wirkung hat. Das Finden einer kollektiven Identität ist der Anfang, die Hände der Regierungen, die ihren Bürgern willkürlich unterdrücken, zu schließen.  

Wir geben eine Gruppe eine Identität, damit sie sich in eine nachfrageorientierte Gruppe umwandelt. Wenn wir eine nachfrageorientierte Gruppe sind, wollen wir nicht mehr an der Macht beteiligt sein. Jetzt können wir für unsere Ziele mit einem Abgeordneten sprechen. Wir gehen nicht mehr davon aus, dass wir unsere Ziele nur mit einem Systemwechsel erreichen können. Wir verstehen, dass ein Politiker nicht ohne Grund gut ist: guter Politiker sein heißt, Wünsche von Gruppen zu erfüllen ...

Montag, 25. Juni 2012

Fars News Erfindet Ein Interview mit Mursi zum Them Israel, Die ZEIT Verbreitet Sie Weiter

Update 21:09 - Ahramonline  "Egypt denies Morsi gave interview to Iran's Fars agency"
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Dies ist die aktuelle Schlagzeile der Zeit zum Thema Ägypten: "Neuer Präsident Ägyptens will Friedensvertrag mit Israel überdenken"(+). Die Zeit schreibt:
Im Fernsehen kündigte er an, er werde alle internationalen Abkommen seines Landes einhalten. In einem Interview mit der staatlichen Nachrichtenagentur Fars sagte der Muslimbruderschafts-Politiker aber, das Friedensabkommen mit Israel von Camp David komme auf den Prüfstand. "Wir werden die Einigung von Camp David überdenken", zitierte ihn Fars.
IRNA (Islamic Republic News Agency) dementiert das Ganze. Es gab gar kein Interview zwischen dem neuen ägyptischen Präsidenten und Fars News.

Kann man die ZEIT vorwerfen, nicht professionell gehandelt zu haben? Ja. In der Tat hat Fars schon längst den Ruf, Nachrichten zu verfälschen. Das sollte die ZEIT auch wissen, spätestens nach dem sie bereits ähnliche Fehler gemacht haben.


Sie Wollen 2 Personen die Alkohol Getrunken Haben Ausführen


Können wir sie stoppen?
(die komplette Nachricht)

Mittwoch, 13. Juni 2012

Warum Haben Sie Angst vor Frauen? - Hijab aus Iranischer Sicht -



Übersetzung aus dem Blog "Der Mond ist versteckt" von Annette  Green aus dem Iran.
Die Anmerkungen in [] sind von mir.

Warum Haben Sie Angst vor Frauen?

Ich lese die Nachrichten:
- Die Brüder von IRGC attackierten ein Konzert und verhafteten allen, deren Hijab sie für unangemessen fanden [Fotos]. Laleh Eskandari  [Schauspielerin] ist eine der Verhafteten.

- Die mutige Brüder habe ein Kino geschlossen, weil sie an Frauen Fußballtickets verkauften. 

- Dieselben mutigen Brüder haben über die Kleidung von [iranischen] Schauspielrinnen  außerhalb der Grenzen gesprochen [der Sozialer Stellvertretender der nationalen Polizei bezeichnete Leila Hatami Kias Kleidung an Cannes Film Festival als "obszön", Urteilen Sie selbst:] 





Cannes Film Festival; Leila Hatamikia
Diese Verkleidung ist laut einem iranischen Offiziellen obszön


- Das Ministerium für Wissenschaft hat ein Gesetz verabschiedet, dass nur eine Gleichschaltung der Menschen erzielt [uniform], und das mit einem sehr schlechten Geschmack.

- Die Sittenpolizei verhaftet weiterhin.
...

Heißt das, das wir keine größere Probleme als die Verkleidung der Frauen haben? Sind alle unsere wirtschaftliche, innen- und außenpolitische Probleme gelöst worden außer dieses?

Eine Freundin / Ein Freund [im Persischen unterscheidet man nicht zwischen er und sie, deshalb war es mir unklar ob "er" oder "sie" gemeint war] von mir hatte ein Buch von Mehrangiz Kar und Shahla Lahiji gelesen und sagte, der Wurzel der Ergebung der Iraner ist die Unterdrückung der Frauen. Obwohl ich nicht mit der Ergebung der Iraner einverstanden bin, bin ich mit dieser Idee einverstanden. Frauen die unterdrückt werden, Frauen die nicht einmal für die Wahl ihrer Klamotten ein Recht haben, Frauen die anscheinend ein unvollständiges Gehirn haben und nicht entscheiden können; Wie sollen solche Frauen in wichtigeren Angelegenheiten mehr Recht haben und wie können sie Kinder erziehen, die für ihre Rechte stehen können?

Aber ich glaube, dass unsere Brüder sich irren. Seit Jahren hören wir nicht mehr auf sie. Seit Jahren widerstehen wir sie, mal offen, mal versteckt. Dass wir die Welt Bunt haben wollen und Bunt gemacht haben. Ich will sagen, dass wir iranische Frauen in diesen Jahren mit allen persönlichen und gesellschaftlichen Unterschieden in einem Punkt in eine Richtung gewachsen sind. Jetzt haben wir alle rebelliert. Wir sind alle ungehorsame Frauen und werden noch ungehorsamer. Kämpft damit wir weiter Kämpfen.

Sonntag, 10. Juni 2012

Was Wollten Wir, Was Haben Wir Erreicht? - Zum Jahrestag der Grünen Bewegung


Drei Jahre ist es her, als Millionen von Iraner unter Schock auf die Straßen kamen und erwarteten das "etwas" geschieht. Sie kamen aus ihren Häusern raus und wollten Ahmadinedjads Anhänger beim Jubeln zusehen. Dabei sahen sie andere Menschen die auch unter Schock auf etwas warteten. Und das war der Anbeginn der grünen Bewegung. Eine Bewegung, die Hoffnung in Gesellschaft bringen sollte.


Ihre Ziele: Demokratie und Freiheit, Wiederholung der Wahlen, Referendum. 
Das Ergebnis (bis jetzt): Viele Verhaftungen und Tote, Mehr Auswanderung, Hausarrest von Mousavi und Karroubi, Noch weniger Pressefreiheit, ... . Und nicht weniger wichtig: Hoffnungslose Jugend.

Ist die Grüne Bewegung nun Tod? Die Antwort hängt davon ab, wie man die Grüne Bewegung definiert. Sollte die Grüne Bewegung aus Straßenprotesten bestehen, die Ahmadinedjad entmachten oder gar das Ära der Islamischen Republik beenden? Dann ist die Frage mit "Ja" zu beantworten. Denn die Straßenproteste sind zuerst gescheitert. Sie können wieder in der Zukunft entstehen, es sieht aber zur Zeit nicht danach aus.

Oder sollte die Grüne Bewegung neue Diskurse in die iranische Gesellschaft bringen? War sie wie ein Phönix, der erst streben musste, damit der modernere Phönix in die Welt kommen kann?


***

In diesem Blog erwähnten wir bereits, dass nicht bedachte, planlose Züge der Reformer und die langweilige  Statements der Koordinationsrat der Grünen Bewegung eine Ursache für das Scheitern der Straßenproteste waren. Alleine den Reformern die Schuld zu geben wäre aber zu einseitig. Das Ausnutzen der Emotionen zwecks Radikalisierung der Gesellschaft durch manch oppositioneller Gruppen im Ausland hatte nur negative Folgen: mehr Tote und Verhaftungen plus eine hoffnungslose Jugend, die gelernt hat, sich an das Verlieren zu gewöhnen.

Was soll man also tun? Reden, bis neue Inhalte raus kommen. Statt Politikern nach zu äffen, soll man seine Wünsche selber äußern. Und zwar so konkret wie möglich. "Freiheit" und "Demokratie" wollte auch Ajatollah Chomeini, nur hat er eine andere Vorstellung von den beiden Begriffen gehabt.

In den letzten Jahren sind viele Tabus in der iranische Gesellschaft gebrochen. Für mich ist das etwas, was wir erreicht haben. Ja, Demokratisierung außerhalb der Straße, damit werden wir uns hier in der Zukunft mehr auseinandersetzen. Hoffentlich!

Mittwoch, 6. Juni 2012

Aufrecht sterben – Rapper Shahin Najafi trotzt der Todes-Fatwa

Lesen Sie auf Arshama3's Blog den gut recherchierten Artikel über den neuen Song von Shain Najafi "Aufrecht sterben" und alle weitere Neuigkeiten in seinem Fall.

IRGC-Agenten stürmen Krankenzimmer von Hossein Ronaghi Maleki

Julias Blog - Agenten des Geheimdienstes der Revolutionsgarden (Sepah/IRGC) haben heute das Krankenzimmer des inhaftierten nierenkranken Bloggers Hossein Ronaghi Maleki gestürmt. Ronaghi, der infolge seines Hungerstreiks in kritischem Zustand ins Hasheminejad-Krankenhaus eingeliefert worden war, wurde innerhalb des Krankenhauses in ein anderes Zimmer verlegt und unter Besuchsverbot gestellt. Seine Familie wurde bedroht und angehalten, keinerlei Informationen mehr über Hosseins Zustand an die Öffentlichkeit zu geben. Weiterlesen

Dienstag, 5. Juni 2012

Wie Ich einen Gewaltbereiten Muslim Überredete, Keine Gewalt Anzuwenden

Ein Gesellschaftskritiker machte mich heute auf einem Kommentar eines selbsternannten "säkularen Aktivisten" aufmerksam.

In Google Plus beschimpfte Hossein Yazdi zunächst den Rapper Shahin Najafi für seinen Song Imam Naghi (deutsche Übersetzung). Daraufhin wurde er ein bisschen ausgelacht, woraufhin er in einem vulgären, sehr paradoxen Kommentar erzählte:


"Wir glauben an die Trennung von Staat und Religion. Versucht jemand in politischen Angelegenheiten mit dem Glauben der Menschen zu spielen, oder andersherum: lacht jemand die Religion aus, hauen wir ihn auf dem Kopf. Wir polieren ihm die Fresse. Verstehst du?"!

Auf seinem Profil sieht man viele oppositionelle Nachrichten. Hossein Yazdi sieht sich also als ein Freiheitskämpfer und Oppositioneller. 

Kann man mit einem solchen Menschen überhaupt sprechen?

Ich habe es so versucht: "Sie würden also einen andersdenkenden schlagen? Dann muss ich beten, dass Sie und Ihresgleichen nicht an die Macht kommen".

- "Ja, geh beten. Ich haue jedem, der sich über unsere Glaube lustig macht, in die Fresse".

Es war mir klar, dass es ihm um seine Religion geht. Also versuchte ich es von seiner Perspektive aus zu beobachten:

"Ich hoffe, dass ich an dem Tag zwischen euch kommen kann, damit kein Blut vergossen wird. Hoffentlich vergießen Sie aber nicht mein Blut.
Sie können sich aber sicher sein, dass Sie beim Polieren der Gesichter den Islamfeinden am meisten glücklich machen: Dabei stellen Sie der Weltgemeinschaft einen Islam vor, den Islamfeinde gerne hätten"


- "Komm jetzt, wir können mit einander reden"

- "Das wäre sehr gut, falls wir mit einander reden, statt uns zu schlagen. Das klingt wie ein Traum. Lassen Sie es nicht zu, dass Islamfeinde Sie provozieren, denn das ist ihr Ziel." (Denken Sie gerade auch an Pro-NRW?)

"Sicher"

"Danke schön"

Fertig. So einfach war das. Hossein Yazdi hat verstanden, dass er mit Gewalt nur seine gelobte Religion schadet. Und das ist für ihn eine Motivation, keine Gewalt anzuwenden.

Montag, 4. Juni 2012

Fotos aus dem Iran - Mädchengymnasium, 1933


Mädchengymnasium (دبیرستان دوشیزگان), Arak [2], 1933

Frau Parirokh Hashemi, die und dieses Foto zur Verfügung stellte, erklärt (herzlichen Dank):

Eine Lehrerin namens Sabieh Maleki (صبیه ملکی), Frau von Khalil Maleki (خلیل ملکی), war sehr bemüht, dass Mädchen zur Schule gehen. Sie suchte stets nach Mädchen im Schulalter, die keine Schule besuchten. Dann ging sie auf ihre Familien zu und überredete sie, ihre Töchter in die Schule zu schicken.

Fußnote:
1. Weitere interessante "alte Fotos" finden Sie in diesem Fotoblog.
2. Arak war 1933 eine sehr kleine Stadt und hatte nicht mehr als 3 Hauptstraßen.